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Feste Feiern

 

September 2005

 

Navaratri und Dasara...

Mysore ist flächendeckend mit Kulturveranstaltungen, Sportevents und fieberhaften Organisationsvorbereitungen zum Fest von Navaratri und Dasara belegt – in der Namensgebung vergleichbar mit Ostern und dem Fest der Auferstehung: Es ist beides dasselbe Fest, obwohl die neunte Nacht des Dasarafestes (navaratri), in der zu Ehren von Durga ausführliche Pujas veranstaltet werden, ein eigenes Fest darstellt und häufig auch eigenständig genannt wird.
Mysore-Dasara ist ein königliches Fest, das den Sieg der Wahrheit über die bösen Mächte feiert. Nach der Mythologie besiegte und erschlug die Gottheit Durga (in Mysore in ihrer Form als Chamundeshvari verehrt) den die Stadt bedrohenden Dämon Mahishasura am Vijayadashami Tag, dem zehnten Tag des Dasara Festes. Dasara wird gelegentlich auch insgesamt als Navaratri bezeichnet, da während der neun Nächte vor dem 10. und letzten Tag des Festes, der Göttin Durga/ Chamundeshvari in ihren verschiedenen Manifestationen gehuldigt wird: Sarasvati, Kali, Lakshmi. Der 10. Tag ist dann ganz der Göttin als Durga gewidmet. Dies ist der religiöse Sinn des Festes unter seinem Namen Navaratri, während Dasara mehr die Festivitäten im kulturellen Bereich und die offiziellen Auftritte der königlichen Familie bezeichnet.

Dasara fällt normalerweise (dieses Jahr wegen des wilden, unendlich intensiven und unendlich lang dauernden Monsuns nicht so deutlich) zusammen mit der Zeit des Ausruhens von der Saisonarbeit und der Freizeit der Bauern nach ihrer physisch und psychisch anstrengenden Sä- und Pflanzarbeit. Sie rufen den Segen von Chamundeshvari auf sich herab, dass sie ihnen reiche Ernte in der bevorstehenden Saison gewähren möge. Der Jahrtausende alten Tradition zufolge sollten die Leute auch den Segen der neun Planeten während der Verehrung der Göttinnnen durch Puja (Verehrungsritual) erbitten. Jeweils ein Planet sollte „mit-gepujat“ werden.

Navaratri wird 10 Tage lang gefeiert, wovon 9 dazu da sind, sich von allem Unreinen zu befreien, um die Gottheit in sich zu realisieren zu können. Der vorletzte Tag ist dazu da, den Waffen zu huldigen. (Ayudha Puja) Die Waffen, denen durch Puja Verehrung gezollt wird, sind Symbol für die göttlichen Kräfte und Tugenden im Menschen. Wenn das Göttliche auf diese Weise verehrt wird, ist man unausweichlich mit spirituellem Fortschritt gesegnet. (So heißt es edel, doch wurde dies auch ganz handfest als Waffensegnung der Ksatriya, der Kriegerkaste, der die königliche Familie zugehört, gesehen). Alle, deren Job nichts mit Waffen zu tun hat, segnen (dies bedeutet hier: sie machen eine ausführliche Puja zu Ehren von...) ihre Berufswerkzeuge: die Rikshafahrer ihre Fahrzeuge, die Bücherwürmer ihre Bücher, die Schreiner Hobel und Bank, die Restaurants ihre Töpfe, die Schüler und Studenten ihre Schulhefte, die Busfahrer ihren Bus usw. Deswegen ist auch der Bär hier los, weil jeder, eben absolut jeder für seine persönlich Berufspuja mindestens ein paar Blumengirlanden braucht.
Der Bedarf ergibt en nettes Stadtbild, doch mit dem Moped ist kein Durchkommen mehr, es sei denn, man aktiviere die Standhupe, die gegen alle andern Standhupen jedoch nur minimale Chancen behält. Auch die Muslime und Christen haben Hochsaison, wenn sie ein Geschäft besitzen: an Dasara sitzt der Geldbeutel locker. Da werden Juwelen und neue Möbel, Maschinen und Fahrzeuge angeschafft.
Die königliche Familie hat eine ausserordentlich reiche Familientradition zu Feier der vielen Pujas während des Dasara Festes. Sie wird bis heute durchgehalten und auch von Srikanta Datta Narasimharaja Wodeyar aufs Beste mitsamt der königlichen Familie im Privatflügel des Palastes gepflegt. Ebenfalls wird eine Privat-„Durbar“ abgehalten, eine Audienz, die hochgestellten und ausgesuchten Persönlichkeiten vorbehalten bleibt, und ebenfalls auf langer Tradition beruht. Der Raja sitzt dabei auf dem goldenen Thron, in dessen Sitz eine Platte des Attibaums, eines besonders glückverheissenden Baums, eingelassen ist, der noch aus der Zeit des Mahabharata stammt (so wird gesagt).
Am ersten Tag des Festes (Ashwiya heisst dieser, und jeder andere der 10 Tage hat ebenfalls seinen speziellen Namen, den alle kennen, so wie auch alle zugehörigen Rituale Allgemeingut sind), geht der Raja (oder Ex-Raja, da Indien ja schon lange Demokratie ist, und die Rajas mit diesem Zeitpunkt privatisiert wurden) zu einem Platz auf dem Terrain des Palastes, wo alle religiösen Funktionen stattfinden, und nimmt ein rituelles Bad. Ganesha und Chamundeshvari werden dann geehrt. Ein Abbild der Familiengöttin, (eben Chamundeshvari), wird bei dieser Gelegenheit neu aufgestellt. Der Staatselefant, Pattada Ane, (und auch ein Staatspferd, pattada kudre, und eine Staatskuh, pattada hasu, die alle so hoch geehrt werden, dass sie in Öl verewigt werden und Staatsbegräbnisse erhalten) wird zusammen mit der Familiengottheit durch Puja geehrt. Abends sitzt der Maharaja wieder auf dem goldenen Thron und hält diese Audienz an allen 9 Tagen ab.
Nachdem am neunten Tag Durga mit großen Ritualen und unter prächtigster festlicher Begleitung öffentlich und in allen Hinduhaushalten tief verehrt wird, geht am letzten Tag der Maharaja in voller Staatsmontur in einer Prozession  zu einem Unterstand auf der Nordseite eines sehr alten Baums auf dem Palastgebiet. Das Staatsschwert wird ebenfalls auf einem Thron getragen und mit dem Staatspferd nachgeschickt. Die riesige, durch die ganze Stadt führende Prozession, auch als Jambo Savari bekannt,  findet am Nachmittag statt. Die Strassen sind vollgestopft von Mysoorians und hauptsächlich indischen Touris, die dem Spektakel zuschauen, wofür extra aus der Umgebung spezielle Elefanten vor Beginn der 10 Tage mit ihren äusserst speziell ausgebildeten Führern, die eine lange Beziehung zu den Tieren entwickelt haben (ein extra Beruf), nach Mysore gelaufen sind, um dort einige Tage Akklimatisierung zu geniessen. Sie führen die Prozession an. Der geehrteste (und fitteste) Elefant darf die goldene „Howda“ tragen, eine Art Thronsänfte mitsamt Maharaja, die natürlich auch sehr alt und traditionell ist und ungeheuer viel wiegt, weil sie aus purem Gold sein soll. Zwischen diesem schwergewichtigen Sessel und dem Elefantenrücken wird eine spezielle Polsterung unterlegt, die ebenfalls in langen Ritualen und genau festgelegten Schritten aus Naturmaterialien hergestellt wird und in etwa aus mehreren Matratzenlagen besteht, die sich dem Elefantenrücken anpassen.

Es ist keine Frage, dass alle, die noch grade so laufen können, dabei sind -und unstrittig, dass Putzfrau und Gärtner in diesen Tagen wirklich keine Zeit haben. Da wird man nur kurz informiert, dass man allein zurechtkommen müssee. Es käme sehr uncool, wenn man da Einspruch erheben würde. Er wäre auch ganz sinnlos, gegen die Vertagung der bereits seit langem anstehenden Möbellieferung auf die Zeit nach dem Fest zu protestieren: das aktuelle Dasara-Geschäft geht vor.