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Lust und Hitze im Siva-Purana (Beitrag von ca. 1998)
Der Beitrag soll anregen, ein Purana selbst zu lesen. Wenn man einmal weiß, worum es in diesen Schriften geht, lesen sie sich so spannrnd wie ein Kriminalroman: sehr empfehlenswert auf langen Zugfahrten und in ähnlichen Warteschleifen.
Purana-s sind Schriften, durch die der Bhaktiyogaweg gefördert werden soll. Sie sind, wie alle Schriften in diesem Zusammenhang, in erster Linie dazu da, die Hingabe an eine bestimmte ottheit zu fördern und die Gläubigen fest in ihrem Weg zu unterstützen. Das führt gelegentlich dazu, eine bestimmte Gottesvorstellung als die einzig Richtige zu deklarieren, um die Anhänger/innen nicht zu verwirren.
Die Purana-s präsentieren die volkstümliche Darlegung der in den Veden und Upanishaden erläuterten philosophischen und religiösen Lehren, sowie der traditionellen Auffassung von Geschichte, Schöpfung, Genealogie, und liefern ein in jeder Hinsicht vollkommen ausgestaltetes Mosaik vor allem des frühen, aber auch des mittelalterlichen Hinduismus unter religiösem, philosophischem, historischem, politischem und sozialen Gesichtspunkt.
Das Sanskritwort bedeutet: Sammlung traditioneller Überlieferung (Purana Samhita), die die meiste Zeit mündlich über Generationen weitergegeben wurde, indem sie nach bestimmten erinnerungstechnischen Grundsätzen vollkommen auswendig gelernt wurden, wie zuvor schon die Veden und andere Schriften. Ihr Ursprung wird in den Purana-s selbst in mythologische Zeiten verwiesen. Durch Zitate in anderen Schriften kann man ihre Existenz mindestens auf 500 Jahre vuZ nachweisen. Achtzehn Purana-s sind überliefert, die jeweils in 40.000 Versen die Gottheit besonders hervorheben, zu deren Verehrung sie die Gläubigen anregen wollen. Sie sind als Erzählung oder Vortrag einer bestimmten Autorität an einen oder mehrere Zuhörer/innen konstruiert, um in einem Frage- und Antwortspiel deren Zweifel zu klären und ein mögliches Informationsdefizit zur jeweiligen Gottheit zu beheben. Es gibt Purana-s für Shiva, Vischnu, Bramha und die Devi.

Zur Gottesvorstellung in den Puranas
Grundsätzlich unterliegt aller zunächst vermeintlichen Vielfalt die Idee, daß nichts sei außer Brahman. Dieser Begriff heißt soviel wie Kosmisches Bewußtsein, ist ohne Geschlechtsbezeichnung und im Grunde Gott-los. Dies ist die Lehre der Veden, detailliert herausgearbeitet in den frühen Upanishaden, speziell in der Chandoghya Upanishad, und deshalb verbindlich für jede Lehrmeinung. Das heißt, daß alle philosophischen und religiösen Systeme sich auf diese Grundwahrheit beziehen und beziehen müssen, um Autorität beanspruchen zu können. Um den Weg der Selbsterkenntnis zum Ziel zu führen, kann der/die Aspirant/in sich auf diese philosophische Erkenntnis konzentrieren, Jnana Yoga genannt, und direkt mit der abstrakten Idee die Erleuchtung erlangen.
Dieser Yogapfad wird jedoch allgemein als ungeheuer schwierig angesehen, und deshalb wird zunächst der Bhaktipfad empfohlen, um schließlich im sehr fortgeschrittenen Stadium der spirituellen Entwicklung die Jnana Yoga Philosophie zu erkennen.
Bhakti bedeutet Liebe, Hingabe, und dazu ist eben eine Gottesvorstellung nötig. Nach brahmanischer Definition bedeutet Gott soviel wie Brahman mit Eigenschaften. Menschliche Attribute werden mit dem Kosmischen Bewußtsein verbunden, um eine abstrakte Idee vorstellbar zu machen. Der Begriff für Gott ist Ishvar/i und hat in etwa die Entsprechung, was das Allmachtsaufkommen betrifft, in der christlichen oder muslimischen Gottheit.
Ansonsten kann die Vorstellung davon ziemlich abweichen, z. B. in der Wahl des Geschlechts - Ishvari kann weiblich sein - oder in ihrer/seiner lachenden Gleichgültigkeit, die mit der Vorstellung verknüpft ist, daß jeder Mensch an ihrem /seinem Leben quasi selbst schuld ist und das Karma im vorherigen Leben selbst akkumuliert hat.
Für den Bhaktiweg wählt sich der/die Aspirant/in eine Gottesvorstellung, die ihm/ihr liegt, eine sogenannte Ishta Devata, als Gegenstand der Verehrung. Zur Auswahl stehen Brahma, Vishnu, Rudra (Shiva) und Lakshmi, Sarasvati, Durga, Kali. Daß aber alle diese Vorstellungen entweder Inkarnationen oder Manifestationen von Brahman, also der abstrakten Idee des Kosmischen Bewußtseins sind, ist dem/der jeweiligen Verehrer/in vollkommen klar.
Im Shiva-Purana sind die Trinitätsgottheiten Brahma, Vishnu, Rudra alle Schöpfungen Shivas und Lakshmi, Sarasvati, Durga und Kali Manifestationen von Shakti. Sie bilden den weiblichen Part der Gottesvorstellung, die zur Möglichkeit von Ishvari, der femininen Endung für den Begriff der höchsten Gottheit führt, und deren Verehrung den Inhalt der Devi Bhagavatam bildet. Shiva, der das Symbol für den männlichen Anteil der Gottesvorstellung einer höchsten Gottheit mit Eigenschaften verkörpert, ist der Gegenpol zu Shakti an sich. Er wird als höchster Yogi gesehen, weil er das ist, was die Yogin/is durch intuitive Erkenntnis erfassen wollen: Brahman. Deshalb wird Shiva als Ishvara mit Form meist als Yogi dargestellt, versunken in Meditation auf sich selbst (Brahman).
Lust
Shiva kommt in Kontakt mit zwei Frauen, vordergründig gesehen: Sati und Parvati, die ihn auch heiraten. Und spätestens hier kommt Lust ins Spiel.(Das Spiel -lila- von Shiva und Shakti, das beide zu ihrem Vergnügen mit der Schöpfung treiben.) Der indische Begriff lautet Kama. Kama wird personifiziert durch eine Gottheit, den Gott der Lust. Brahma erschafft Kama mental, indem er Lustgedanken denkt. Kama kommt nur dreimal in Kontakt mit Shiva, wobei er das erste mal scharf gescholten wird und sich schrecklich vor Shiva fürchtet, das zweite Mal überhaupt nicht beachtet wird und das dritte mal durch das Feuer aus Shivas drittem Auge direkt zu Asche reduziert wird, so daß er ab da quasi ausgeschaltet bleibt.
Zuvor erlaubt sich Shiva eine winzige Sekunde lang einen Blick auf die Schönheit der Frau Parvati (sonst ist sie immer Gottheit) und zieht dann in vollkommener Yogapraxis seine Sinne vom Objekt ab, ohne daß Kama seinen Pfeil loswird. Brahma’s Wunsch, daß Shiva eine Frau nehme, kann nur durch die Bitte an Shiva/Shivaa selbst, verbunden mit Hingabe und strengem Tapas erreicht werden. Wenn es jedoch für den Fortgang der Schöpfung nötig ist, erinnert sich Shiva an Kama und zitiert ihn mental aus freier Entscheidung für die passende Situation. Wenn es um Kama geht, ist die Sprache in den Puranas erfreulich direkt und konkret. Den indischen Gottheiten, Dämonen und Menschen scheint nichts peinlich oder tabu zu sein, was mit konkreter Sexualität zu tun hat. Alles wird benannt und sachlich dargestellt, sofern es nötig ist. Bei Shiva selbst ist es kaum nötig, eher schon bei Brahma, dem hier und da ein Samentröpfchen danebengeht, weil er inzestuöse Gedanken hegte.
Parvati ist die Inkarnation von Shivas erster Frau Sati und ebenfalls Shakti als Kosmisches Prinzip, auf das auch dauernd hingewiesen wird. Sie wird häufig in ihrer Funktion als eine Hälfte der Dualität Purusha und Shakti (Prakriti), die zusammen Brahman ergeben, als Sivaa bezeichnet, um alle Unklarheiten auszuräumen: Shiva und Shivaa sind eins. Die weltliche Vereinigung auf der Ebene der Lust von Shiva und Shakti ist also die Aufhebung ihrer Dualität.
Shiva und Shakti werden in den Puranas auf verschiedenen Ebenen agierend vorgestellt: Auf der Brahmanebene, wo zwischendurch immer wieder klargestellt wird, daß dies die Hauptaussage ist, auf der Gottebene, wo Shiva und Shakti dual agieren und auf der weltlichen Ebene, wo sie sich wie Menschen ganz nach weltlichen Konventionen benehmen.
Warum begeben sich Shiva und Shakti, die doch Brahman sind, überhaupt in eine solche Situation, die den weltlichen Konventionen so nahe kommt? Sie müssen auf verschiedenen Ebenen handeln, dual agieren, weil sonst der Schöpfungszyklus nicht eingehalten werden kann. Trotz ihres zum Teil sehr weltlichen Benehmens wird aber immer angemerkt, daß sie dies nur in genauer Imitation der gesellschaftlichen Konventionen tun. So beschreibt das Purana die verliebten Vergnügungen der beiden in trauter Zweisamkeit, um darin sofort einzubetten, daß Shiva/Shakti eins sind: während sich Sati im Spiegel betrachtet, kommt Shiva verliebt von hinten dazu und erkennt im Spiegel nichts anderes als ein Gesicht für sie beide. Parvati wird vor ihrer Hochzeit mit Shiva über die hinduistischen Pflichten einer verheirateten Frau aufgeklärt, nur um direkt danach von der Brahmanin eine Entschuldigung zu hören, daß dies alles für die Göttin nicht gelte.
Ein weiteres, aus dieser Vermischung weltlicher Lustebene mit der kosmischen Ebene resultierendes Phänomen ist das Shivalingam, ein erigierter Penis, der aus der Yoni, den weiblichen Geschlechtsorganen, herausragt. In den Puranas wird immer wieder auf die ausschließlich symbolische Bedeutung des Shivalingam hingewiesen. Zum einen als Symbol für die yogische Praxis des Zurückhaltens des Orgasmus: Ojas entsteht, das der sexuellen Energie entspricht, die normalerweise im Orgasmus verpufft, jedoch durch Enthaltsamkeit in für die Selbstverwirklichung nutzbare Energie umgewandelt werden kann. Es ist also eher ein Symbol der Keuschheit als der Lust. Zum zweiten ist das Lingam das abstrakte Konzentrationssymbol für Shivaverehrer/innen. Abstrakt bedeutet in diesem Fall: ohne die menschenähnliche Form der Gottheit.
Hitze
Dies ist die korrekteste Übersetzung des Begriffes Tapas, der ein breites Spektrum von Assoziationen beinhaltet, die meist zusammen die Definition ausmachen. Im Shivapurana wird die uralte indische Mythologie behandelt. Die Handelnden und Erlebenden sind alle Gottheiten (Devas), oder doch zumindest Gottgeborene, meist Geistgeborene und gleichzeitig Rishis (Seher/in) oder Munis (Weise/r) oder allenfalls noch von der Gegenseite, den Dämonen (Asuras). Von ihnen wurde Tapas als eine allgemeine Methode genutzt, um zu erreichen, was man sich wünscht. Gottheiten wie Dämonen unterziehen sich zeitweilig strengem Tapas; Frauen wie Männer nutzen seine Wirkung, die beeindruckend ist: Die Gottheit, auf die zielgerichtet Tapas ausgeübt wird, wird günstig gestimmt und erfüllt auf alle Fälle einen Wunsch, manchmal auch mehrere, egal wie ausgefallen und manchmal auch dreist er sei. So macht Satis Vater Daksha Tapas auf die Göttin in ihrer kosmischen Form und bittet sie, als seine Tochter zu inkarnieren und Shivas Frau zu werden. Sati selbst unternimmt Tapas, um Shiva zu erlangen und erreicht den Zustand der erleuchteten Seherin.
Tapas ist also absolut zielgerichtet und zweckorientiert. Niemand käme auf die Idee, energieerzeugende Einschränkung als Selbstzweck zu praktizieren. Zu Tapas gehört Zeit, häufig einige tausend Jahre, meist werden dreitausend Jahre in diesen Weltaltern als angemessen empfunden, bzw. nach dieser Zeitspanne ist die jeweilige Gottheit weichgeknetet und belohnt die Tapsvin/i durch Darshan (Schau ihrer Form) und Wunschgewährung. Der Tapasprozeß wird als ein Energie erzeugender Vorgang begriffen, als wärmeproduzierender Prozeß, der in etwas anderes umgewandelt werden kann- zum Beispiel auch in Kreativität.
Vor allem muß Tapas jedoch als Teil der ethischen Voraussetzungen des achtstufigen Rajayogasystems erfaßt werden, das ebenfalls im Shivapurana als bekannt vorausgesetzt wird. Verbunden ist Tapas auch immer mit höchster Konzentration und daraus resultierender absoluter Versenkung in die Meditation, ein Zustand, der begriffen wird als höchste Einpünktigkeit des Denkens, Ekagrata, zielgerichtet auf die jeweilige Gottheit. Als Basis wird möglichst geschwiegen und in unterschiedlicher oder sich steigernder Intensität gefastet, beides Mittel, um das Energieaufkommen zu steigern. Häufig werden auch schwierige Übungen unternommen, wie ununterbrochen auf einem Bein zu stehen oder extreme Temperaturen zu verstärken.
Man unternimmt Tapas zielorientiert, winnermäßig. Die Idee des Versagens, des Nichtdurchhaltens, taucht nicht einmal im ganzen Shivapurana oder der gleich umfangreichen Devi Bhagavatam auf. Eingesetzt wird die Methode zum Teil für durchaus weltliche Dinge wie einen Mann, eine Frau, ein Kind, einen Sieg in einer wichtigen Schlacht, aber auch für die Erleuchtung oder Selbstverwirklichung, das Erblicken der Gottheit (Darshana), deren kosmische Schwingung (Mantra) man wiederholt hat. Es ist auch kein Widerspruch, Tapas und Brahmacarya (sexuelle Enthaltsamkeit als eine Form von Tapas) für Sexualität und Lustgewinn einzusetzen, sondern effektivstes und unfehlbarstes Mittel. Auch Rishis und Munis, die sich zeitweilig strengstem Tapas inclusive Brahmacarya widmen, sind ansonsten zum großen Teil sexuell aktiv.
Tapas verleiht so ungeheure Macht, Kraft und Energieansammlung, daß Indra, der Regent des Götterhimmels, grundsätzlich sehr nervös wird und um seine Machtposition bangt, sobald jemand Tapas unternimmt. Gelegentlich schreitet er sogar mit allen Mitteln ein, um die Übenden aus dem Gleichgewicht zu bringen und von ihrer Konzentration auf Tapas abzuziehen. Gleichzeitig macht Tapas jung und sexuell attraktiv. Sobald das Gewünschte von der erschienen Gottheit erlangt worden ist, was allerdings länger dauern kann, wird Tapas sofort aufgegeben,
Lust (Kama) und Energiegewinnung durch Einschränkung (Tapas)

In indischen Kulturkreis scheint eine dualistische Auffassung dieser beiden Begriffe nicht zu existieren. Zumindest in den Puranas sind Kama und Tapas nur zwei Seiten derselben Medaille, genauso wie Sukha-Dukha (Freude und Leid), aber auch Shiva-Shakti. Es gibt kein ja oder nein, kein Lust oder Tapas. sondern beides hängt, sobald die abstrakte philosophische Vorstellung des Kosmischen Bewußtseins verlassen wird, unausweichlich zusammen und bedingt einander. Stattdessen gibt es ein klares Nebeneinander von weltlichen Konventionen, wo gesellschaftliche Gesetze und Regeln des Hinduismus gelten und Shiva und Shakti ebenfalls zum Wohl der Schöpfung nach Lust und Laune handeln, und der Ebene des Kosmischen Bewußtseins, wo Shiva/Shakti alles Menschliche, und damit auch jeden Bezug zu Sexualität abgelegt haben. Die Liebesszenen zwischen Shiva und Shakti sind immer wunderbar direkt und konkret beschrieben, ohne ein Gefühl des Verbotenseins aufkommen zu lassen, während ihre Kosmische Ebene ganz klar zu allem Menschlichen einen strikten Trennungsstrich zieht.
Abkürzungen
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