Wie kommt eine vertrauenswürdige Übersetzung zustande?
1. Ein vertrauenswürdiger Originaltext muss ausgewählt werden, der die devanāgari Schrift widergibt und korrekt von den Palmblättern editiert wurde. Die Textquelle muss angegeben werden, damit fragliche Stellen dort verifiziert werden können. Wissenschaftliche Editionen des Textes gibt es ausreichend, die sich lediglich wenig in gelegentlichen Zufügungen wie z. B. „punaḥ“ unterscheiden. Eine spezielle Neuedition wäre nicht dringend. Originale auf Palmblättern können zum Beispiel im Oriental Research Institute in Mysore eingesehen werden. Die benutzten Editionen für diese Übersetzung sind im Haupttext angegeben.
2. Nachdem ein vertrauenswürdiger, wissenschaftlich editierter Text in devanāgarī ausgewählt wurde, muss das Sanskrit-Alphabet in lateinische Buchstaben umgewandelt (transkribiert) werden. Da Sanskrit wesentlich mehr Vokale und Konsonanten aufweist als westeuropäische Sprachen, müssen sogenannte diakritische Zeichen zum lateinischen Alphabet zugefügt werden, die diese Buchstaben kenntlich machen. Da es zum Beispiel allein 4 n-ähnliche Laute gibt, kann nur einer mit dem lateinischen n bezeichnet werden, während die anderen z. B. durch ṇ oder ṅ oder ñ ersetzt werden müssen.
Beispiel sūtra I, 2
yogaścittavṛttinirodhaḥ
3. Nachdem durch die Transkription nun der Originaltext auch Interessenten und Fachleuten, die nicht devanāgarī lesen können, zugänglich ist, kann an die Vorbereitung der Übersetzung gedacht werden. Dazu muss zunächst jedes Einzelwort eines transkribierten sūtra-s in genus, numerus und casus bestimmt werden. (Z. B. Femininum, Plural, Genitiv). Dafür werden die « sandhi-s », der Zusammenzug der Einzelwörter durch An- und Auslautverbindungen aufgelöst. Der Fachbegriff hierfür ist „padavibhāgaḥ“
Beispiel sūtra I, 18
virāmapratyayābhyāsapūrvaḥ saṃskāra-śeṣo´nyaḥ
padavibhāgaḥ virāma-pratyaya-abhyāsa-pūrvaḥ (Adjektiv, Singular, Nominativ) saṃskāraḥ (Adjektiv, Singular, Nominativ) śeṣaḥ (Adjektiv, Singular, Nominativ) anyaḥ (Adjektiv, Singular, Nominativ)
4. Nun bleiben im sūtra-Stil recht lange durch Bindestriche in der Auflösung voneinander getrennte Zusammenhänge übrig, die zwar aus Worten bestehen, jedoch keine bestimmbare Endungen aufweisen. Diese sind Komposita, aus Substantiven, Adjektiven und Adverba zusammengesetzte Begriffe, die wiederum einen neuen Begriff bilden, oder sogar einen Satz ausdrücken.
Beispiel sūtra I, 2
yogaścittavṛttinirodhaḥ = yogaḥ citta-vṛtti-nirodhaḥ (samāsaḥ)
Diese Komposita nennen sich samāsaḥ. Das Kompositum hieße zunächst: Bewusstsein-Tätigkeit-Hinderung. Es muss nun nach grammatisch exakt definierten Regeln (nach der Grammatik von Pāṅiṇi) bestimmt werden, da sonst lediglich eine Aneinanderreihung von Klangworten zu erkennen ist. Den Einzelworten des Kompositums wird nun eine Endung zugefügt, um es übersetzbar zu machen:
cittasya (Gen. sg) vṛttināṃ (Gen. pl) nirodhaḥ (Nom sg)
Name des Kompositums: 6. tatpuruṣa-samāsaḥ
- Nun müssen die Einzelworte im Lexikon unter Ihrer Verbwurzel oder dem Nominativ nachgeschlagen werden. Die lexikalischen Wortbedeutungen sind in Mylius, Sanskrit-Deutsch nachgeschlagen und wörtlich beibehalten. Einige wenige Begriffe mussten zusätzlich im Monier-Williams herausgesucht werden. Keine Neuschöpfungen. Gelegentlich wurden Einzelworte in ihrer Lexikalischen Bedeutung informationshalber hinzugefügt: (z. B. tanū kṛ; jedoch auch tanu und karaṇa in sūtra II, 2)
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Lexikon
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yoga – m 1. Anschirren, Geschirr; 2. Gespann; 3. Fahrt; 4. Ausrüstung, Ausstattung; 5. Anwendung, Durchfürung; 6. Trick, List, Betrug, Zauber; 7. Unternehmen, Tat; 8. (mit Instr od - | ~) Verbindung, Zusammenhang (mit); 9. Arbeit, Fleiß, Erwerb; 10. Aufmerksamkeit, Konzentration, Kontemplation; 11. Phil Name eines Systems
citta – n 1. Denken, Bewusstsein, Vernunft, Geist; 2. Absicht, Wille; 3. Herz, Gemüt; 4. Wahrnehmen
vṛtti – f 1. Tränen Rollen; 2. Ereignis, Begebenheit; 3. mit lok Eifer (bei); 4. Erwerb, Lebensunterhalt; 5. Tätigkeit; 6. Lebenswandel; (mit Gen, Lok od - | ~) (gutes) Benehmen (gegen); 7. Wesen, Natur, Regel; 8. Theat Charakter, Stil; 9. Kommentar; 10. Vorkommen, Vorhandensein; 11. Gramm Bedeutungswandel (durch Affixe od Kompositionen)
nirodha – m 1. Hinderung, Unterdrückung; 2. Einschließung, Belagerung; 3. Vernichtung, Tod
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6. Nun kann es übersetzt werden: Yoga ist Hinderung der Tätigkeiten des Bewusstseins
7. Ist die Bestimmung korrekt erfolgt, kann das sūtra eindeutig übersetzt und Missverständnisse einleuchtend aufgeklärt werden.
8. Die Vorgabe für dieses Unternehmen war es, eine wörtliche Übersetzung beizubehalten, die dem Text die Kraft lässt und dem Leser das Vertrauen in Übersetzerin und Aussage.
9. Auf Grundlage einer wörtlichen Übersetzung kann nun eine Erklärung beginnen, sofern sie noch nötig ist, die Auswertung (tātparyam). Da dies ein anuśāsanam - Text ist, ein Anweisungstext, möge man den Anweisungen folgen, die man in seinem jetzigen Level versteht und sich dadurch weiterentwickeln, um die sutrāṇi nach und nach in vollem Sinn zu begreifen. Dies ist jedem Menschen möglich und aufgrund von regelmäßiger Befolgung und Übung recht einfach.
10. Man möge der Anweisung wörtlich folgen.